Viamonda Reisejournal

Ionisches Farbenspiel

Die Ionischen Inseln zeichnet ihre immergrüne Vegetation und eine bewegte Geschichte aus, deren Spuren bis heute erhalten sind.

Text: Catharina Kast, artundreise, 3. Februar 2022

Einen einzigen langen Strand gibt es in Paleokastritsa auf Korfu nicht. Liebhaber von endlosen Strandspaziergängen wären im kleinen Ort im Nordwesten der Insel enttäuscht. Das Glück liegt hier in kleinen Buchten. Sechs an der Zahl, und die sind so schön, dass sich kaum jemand nach einem anderen Flecken Erde sehnen dürfte. Die zerklüftete Küste aus hellem Felsen trotzt dramatisch und erhaben dem Wasser, das hier so türkis schimmert, wie man es sonst nur von Bildern von weit entfernten Destinationen kennt. Ein ständiges Wechselspiel zwischen Wasser und Land, zwischen hohen Klippen und flachen Wellen. Ins spektakuläre Farbenspiel mischt sich die üppige Vegetation, die bis zum äussersten Stein reicht und in allen Grüntönen leuchtet. Manche dieser Buchten sind bequem mit dem Auto erreichbar. Zu anderen führt ein steiler Weg mit Treppen hinunter. Und unzählige solche Badeplätze sind nur mit dem Boot, Kajak oder Stand-up-Paddle zugänglich. Ein schöner Sommermorgen in Paleokastritsa beginnt also mit der schwierigen Entscheidung, wo man ins Wasser steigt. Es hat sich bewährt, erst einmal in einer der kleinen Bars Halt zu machen und bei einem griechischen Kaffee darüber nachzudenken.

Paleokastritsa ist eines der beliebtesten Ausflugsziele auf Korfu. Die Insel ist reich an natürlicher Schönheit. Etwa 60 Kilometer lang, ist sie geprägt von Bergen und Hügeln und einer abwechslungsreichen Küste. Augenfällig ist auch die starke Vegetation. Selbst im Sommer ist Korfu grün. Während noch am Strand verschiedenste Pflanzen auf engem Raum und aus den kleinsten Steinritzen wachsen, bestimmen an den Hügeln Olivenbäume das Bild. Mehr als vier Millionen solch uralter, knorriger Bäume wachsen stoisch in die Höhe und Breite. Sie wurden ab dem 16. Jahrhundert im grösseren Stil angepflanzt. Ein Erbe der Venezianer, die auf Korfu mehr als die Landschaft prägten.

Italienisches Flair
«Irgendwie wie Italien», geht es Besuchern durch den Kopf, wenn sie durch Korfu Town, das pulsierende Zentrum der Insel, spazieren. Wer durch die Altstadt schlendert, wähnt sich eher in einer schönen italienischen Stadt auf dem Festland als auf einer griechischen Ferieninsel. Hübsche Gassen mit Kopfsteinpflastern führen vorbei an eleganten Häusern in warmen Pastelltönen, zu eindrücklichen Kirchen und schönen Plätzen, wo die Menschen in den Restaurants Eiskaffee schlürfen und das Treiben beobachten. Die Altstadt von Korfu zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Sie hat etwas Herrschaftliches, Grosses. Unterstrichen wird ihre Bedeutung von zwei mächtigen Festungsanlagen. Vor der Westküste Griechenlands und Albaniens, im schmalen Meeresstreifen zwischen Süditalien und Griechenland, liegt Korfu am Tor zur Adria und am Schnittpunkt historischer Einflüsse. Rund 400 Jahre lang waren Korfu und die fünf anderen Ionischen Inseln Teil der Republik Venedig.

Die Venezianer haben auf der ganzen Inselgruppe zahlreiche Spuren hinterlassen. Nicht nur sie: Einst hat sich die Inselgruppe dem Römischen Reich unterworfen, um später Provinz des Byzantinischen Reiches zu werden. Ab dem Spätmittelalter zählten die Ionischen Inseln zur Republik Venedig. Später fielen die Franzosen ein, danach waren die Briten Protektoratsherren, bis die Inseln als eigenständige Region Griechenland zugesprochen wurden.

Diese bewegte Geschichte lässt sich auf den Ionischen Inseln, zu denen neben Korfu, Paxos, Lefkada, Ithaka, Kefalonia und Zakynthos zählen, überall nachverfolgen. Sie alle reizen nicht nur mit der bekannten Schönheit des Ionischen Meeres, das bei Seglern für seinen Wind, bei Schnorchlern für das glasklare Wasser, bei Strandliebhabern für die türkisfarbenen Buchten beliebt ist, sondern auch mit Burgen, Kirchen, Klöstern, Museen, hübschen Städten und kleinen Bergdörfern. Bei letzteren lohnt sich besonders ein Besuch. Sei es für eine kleine Wanderung oder einfach, um in einer traditionellen Taverne einen Ouzo zu trinken und die absolute Ruhe zu geniessen.

Heimat von Odysseus
Gemeinsam ist den Ionischen Inseln auch ihr Grün. Vor der Nordwestküste Griechenlands gelegen, ist das Klima etwas milder und feuchter als bei den südlicheren Schwestern. Oliven und Zitronenbäume, Zypressen, Pinien und Nadelwälder gedeihen gleich wie die unterschiedlichsten Blumen. Trotz der Gemeinsamkeiten hat aber jede der Ionischen Inseln ihren eigenen Charme. Korfu, die nördlichste, ist die schöne Bekannte. Auch Zakynthos ist mit dem Navagio-Strand, wo ein Schiffswrack im Sand steht, mit seinen Meereshöhlen und den Schildkröten, die in der Bucht von Laganas ihre Eier ablegen, sehr beliebt. Lefkada ist die einzige Insel, die über eine Brücke erreicht werden kann. Kefalonias Myrtos Beach zählt zu den schönsten Stränden von ganz Griechenland. Ithaka gilt noch immer als Geheimtipp, obwohl hier auch schon Promis wie Madonna Ferien gemacht haben. Der grösste Star der Inseln ist allerdings Odysseus, der aus Ithaka stammen soll. Archäologen suchen seinen Palast noch immer – bisher ohne Erfolg. Doch sie haben dabei mehr als 30 andere archäologische Stätten gefunden.

 

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